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| Polarisation der Aufmerksamkeit - gelebte Montessoripädagogik |
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Wenn Kinder spielen, dann vergessen Sie oft alles, was um sie herum vorgeht. Ein Teppich wird zu einem fernen Planeten oder zu einem gewaltigen Ozean, ein Bett zu einem riesigen Gebirge. Ihre Phantasie scheint grenzenlos. Sie tauchen ein in diese Gedankenwelt und werden von ihr völlig aufgesogen. Alles, was außerhalb dieser Phantasiewelt existiert, wird für die Dauer des Spiels einfach ausgeblendet. Manchmal beobachte ich unseren David (8) wenn er im Spiel in Imaginäre Abenteuer eintaucht und erinnere mich an solche Momente in meiner eigenen Kindheit. Vergleichbare Situationen erlebe ich auch noch heute in meinem beruflichen Alltag. Immer, wenn mich eine Arbeit besonders interessiert, dann tauche ich völlig ein, in die jeweilige Materie. Interesse ermöglicht höchste Konzentration. Und Konzentration hilft mir, auch komplexere Informationen und Zusammenhänge leichter erfassen und behalten zu können. Es entsteht so etwas wie ein 'Flow'. Lernvorgänge scheinen in solchen Zuständen sogar eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln. Vielleicht kennen auch Sie solche Zustände und Situationen? Maria Montessori widmete der experimentiellen Erforschung dieses Phänomens einen Großteil Ihrer Arbeit. Angeregt wurde sie durch ein Schlüsselerlebnis, als sie ein dreijähriges Kind beobachtete, das sich in höchster Konzentration mit Einsatzzylinderblöcken beschäftigte. Das Kind, so schilderte sie später, war dabei so konzentriert, dass es sich auch durch massivste Ablenkungen nicht stören ließ. Diesen Ausdruck der Aufmerksamkeit in äußerster Konzentration fasste Maria Montessori in dem Begriff, 'Polarisation der Aufmerksamkeit' zusammen. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sie Schritt für Schritt ihre Methode. Genau diese Art zu lernen, spiegelt sich im Alltag an den Montessori Schulen wieder. Bei einem Besuch in der Klasse unseres Sprösslings am Tag der offenen Tür konnten wir das live erleben: Zu Beginn des Unterrichtstages saßen die Kinder mit Ihrem Lehrer und der pädagogischen Betreuerin im Kreis zusammen und stimmten sich auf den Tag ein. Tagesthema war das Datum als Zahl. An jenem Tag war das die Sieben. Der Reihe nach nannte nun jedes Kind eine Rechenaufgabe, die zur Zahl sieben als Ergebnis führte:
So ging das Reih um, bis jeder dran war. Dann begannen sie im Chor zu zählen. Dabei wurde geflüstert und nur die Zahlen des Dreier-Einmaleins wurden laut gesprochen. Begleitet wurde das durch Klatschspiele. Anschließend wurde das gleiche Spiel in englischer Sprache durchexerziert. Es folgte das Vierer Einmaleins, erst in deutsch, gefolgt in englisch. Nach einer kurzen Pause ging es mit Freiarbeit weiter. Die Kinder arbeiteten alle am Boden. Entweder mehrere an einer Gemeinschaftsarbeit oder einzelne alleine. Jeder suchte sich ein Thema aus und holte sich das dazugehörige Material aus dem Regal. Dann bauten sie ihre selbstgewählten Projekte jeweils auf einem kleinen Teppich auf. Die ganze Zeit blieb es erstaunlich still in der Klasse. Nur die Teams der Gemeinschaftsprojekte flüsterten sich gegenseitig ihre Hinweise ins Ohr. Unser Jüngster arbeitete alleine mit 'Perlenmaterial' und löste dabei selbständig in hochkonzentriertem Zustand Subraktionsaufgaben im fünfstelligen Zahlenbereich. Noch wenige Tage vorher, hatte er noch in der Regel-Grundschule gerade mal im Zahlenbereich bis 50 gerechnet. Auch die Gegenkontrollen führte er eigenständig durch. Ein Strahlen huschte dabei jedes mal über sein Gesicht, wenn er anhand der Lösungskarte feststellen konnte, daß er seine Aufgabe richtig gelöst hatte. So lernen die Kinder in hoher Konzentration effektiv. Sie suchen sich das aus, wofür sie gerade das höchste Interesse besitzen. Die Montessori Pädagogen lenken dabei auch geschickt zur Lösung zusätzlicher Aufgaben. Wie im Spiel tauchen die Kinder ein, in ihre jeweilige Arbeit. Das Erlernte behalten Sie und übernehmen es auch außerhalb der Schule in ihren Alltag. Über die Umsetzung in die Praxis amüsierten wir uns, als wir mit David wenige Wochen später in einem Einkaufszentrum waren. Da setzte er sich dann mittendrin auf einen Teppich und leerte den Inhalt seiner Geldbörse aus. Nun begann er mit flinken Fingern die Münzen zu sortieren und schichtete jeweils gleiche Werte aufeinander. Anschließend zählte er und rief: 'Mist, das reicht nicht. Mir fehlen 23 Cent.' Fasziniert fragte ihn meine Frau, wozu ihm denn die 23 Cent fehlen würden. Er erklärte, dass er sich ein bestimmtes Spiel kaufen wolle, das würde 7,99 Euro kosten und er hätte eben nur 7,76 Euro. Da waren wir froh, dass sein Geld nicht reichte - hatte meine Frau unter anderem doch genau dieses Spiel bereits als Geschenk zu seinem bevorstehenden Geburtstag besorgt.
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